So formt man negative Erinnerungen um

So formt man negative Erinnerungen um

So formt man negative Erinnerungen um

So formt man negative Erinnerungen um

Viele Menschen glauben, ihre Erinnerungen seien Fakten – immer gleich und das genaue Abbild der vergangenen Situation. Dem ist aber nicht so. Jede Erinnerung ist im Moment des Erinnerns anders. Woran und wie wir uns erinnern, wirkt direkt auf unsere Persönlichkeit und damit auf unser Verhalten.

„Ich erinnere mich genau …” wer hat das nicht selbst schon gesagt? Insbesondere Eindrücke und Erlebnisse, an die wir uns oft erinnern, glauben wir aus dem Effeff zu kennen. Dabei ist jede Erinnerung im Moment des Erinnerns anders. Aus meinem ersten Liebeskummer ziehe ich andere Rückschlüsse, wenn ich genervt im Verkehrsstau stehe, als wenn ich an einem sonnigen Ferientag am Strand entlangspaziere. Im Spiegel der jeweiligen Gegenwart bewerten wir Menschen neu – unsere Erinnerung wird schöner oder schlimmer, sie wird stärker oder verblasst. Woran und wie wir uns erinnern, wirkt direkt auf unsere Persönlichkeit und damit auf unser Verhalten.

Glauben Sie nicht immer, was Sie denken

Vor allem das Bild, das wir uns von unserer Kindheit machen, beeinflusst sehr unser Selbstbild als Erwachsener. Dabei ist gerade hier ein Schuss Misstrauen nicht unangebracht, was nicht heissen soll, dass Kindheitserinnerungen grundsätzlich nicht stimmen. Nur verblassen sie mit der Zeit oder werden mit weiteren Anekdoten und Details geschmückt, die meistens nicht von uns stammen.

Wie weit Erinnerungen verfälscht werden können, wies die deutsch-kanadische Rechtspsychologin Julia Shaw in einem eindrucksvollen Experiment nach. Zusammen mit ihrem US-amerikanischen Kollegen Stephen Porter, einem Psychologen für Forensik, schaffte sie es, 70 Prozent der Probanden davon zu überzeugen, ein Verbrechen begangen zu haben und sich nun an dieses erinnern zu können. Bei dem Verbrechen handelte es sich übrigens nicht um einen Dummejungenstreich wie geklaute Schokolade oder ein eingeschlagenes Fenster, sondern um Mord! Sie lesen richtig: die Mehrzahl der Versuchsteilnehmer liess sich einreden, einen Menschen getötet zu haben, und konnte sich daran – teilweise genau! – erinnern.

Lebensgeschichte-Methode

Wenn wir unsere Erinnerung in eine so gravierende und haarsträubende Richtung verfälschen können, dann geht das auch in die andere, positive und uns unterstützende Richtung. Die niederländischen Psychologen Gerben Westerhof und Ernst Bohlmeijer gehen zudem davon aus, dass nicht so sehr die tatsächlichen Ereignisse unsere Lebensqualität bestimmen, sondern viel mehr, wie wir von unseren Erlebnissen erzählen. Aufbauend auf diesem Gedanken haben sie die Lebensgeschichte-Methode entwickelt.

Ausgewählte Fragen unterstützen darin, Erlebnisse in ein anders, vielleicht günstigeres Licht zu rücken, ohne dass die Erinnerungen zwanghaft positiv gesehen werden müssen. In manchen Fällen, wie bei Missbrauch oder Misshandlungen, wäre das auch zynisch. Aber die Fragen können darin unterstützen, die Vergangenheit zu akzeptieren und vielleicht Anknüpfungspunkte für die eigene Lebensgeschichte zu entdecken, mit denen man leben kann. So kann eine Wunde viel leichter vernarben, als wenn sie durch ständiges Erinnern oder Neuerzählen immer wieder neu aufreisst.

Im Mittelpunkt der Methode, die zwingend mit einem Profi durchgeführt werden sollte, je belastender die Erinnerung ist, stehen vier Fragen:

1. Wie sind Sie damit umgegangen?

Welche Überlebensstrategien haben Ihnen geholfen, die schwere Zeit durchzustehen? Wir vergessen manchmal, welche Mittel und Wege wir gesucht und genutzt haben, um uns zu helfen. Das gilt vor allem für scheinbar kleine Massnahmen wie jemandem das Herz auszuschütten, um Hilfe zu bitten oder selbst beim schlimmsten Liebeskummer etwas zu essen. Wichtig ist der Erkenntnisgewinn: wir waren damals nicht vollkommen hilflos.

2. Welche Ausnahmen gab es?

Zwischen Schwarz und Weiss gibt es eine Menge Grautöne. Die gilt es bei dieser Frage zu entdecken. Es geht nicht darum, etwas schönzureden, aber vielleicht gab es auch gute Momente mit einer lieblosen Mutter oder friedliche Phasen in einer ansonsten mobbenden Schulklasse?

3. Gibt es andere Erklärungen?

Insbesondere Kinder tendieren dazu, die Gründe für Verletzungen und Demütigungen auf sich zu beziehen. Das geht so weit, dass sie glauben, die Prügel des Vaters verdient zu haben, weil sie nicht genügen oder nichts taugen. Nach anderen Gründen zu suchen kann entlastend sein, wie zum Beispiel: „Mein Vater hat mich geschlagen, weil er ein hilfloser Mensch ist und nie gelernt hat, einen Konflikt auszuhalten und konstruktiv damit umzugehen.“

4. Was haben Sie daraus gelernt?

Gibt es eine Lektion, die Sie aus Ihren Erfahrungen ziehen? „Mein Auszubildender hat mich ständig schikaniert, weil er ein sehr unglücklicher Mensch war. Wenn man so frustriert ist, hat man einen Tunnelblick und sieht alles negativ.“

Die Kombination aus wohlwollender Aufmerksamkeit und Zeit lässt Wunden heilen. Wohlgemerkt geht es nicht um Selbstbetrug oder das Schaffen falscher Erinnerungen, sondern um eine Neuinterpretation des vorhandenen Materials. Im Idealfall haben Sie am Ende sogar eine schöne Erinnerung daran, wie Sie eine Verletzung gemeistert haben.

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