Wie aufgeregt sind Sie?

Wie aufgeregt sind Sie?

Wie aufgeregt sind Sie?

Wie aufgeregt sind Sie?

Dass Medien Meinungsmacher sind, ist eine Binsenweisheit und muss hier nicht weiter vertieft werden. Zwischen Lügenpresse und Freiheit des Wortes klafft oft eine ziemlich grosse Lücke, und in den allermeisten Fällen haben wir keine Möglichkeit, uns selbst ein Bild zu machen.

Text von Jordan T. A. Wegberg

Was bedeutet es zum Beispiel, wenn gegen einen Staatschef „massive Proteste“ stattfinden? Heisst es, dass zwanzig Menschen mit Transparenten vor seinem Regierungssitz stehen und „Buh“ rufen? Oder haben sich Tausende zu einem Demonstrationszug versammelt? Wir müssten das persönlich überprüfen, wozu uns in den meisten Fällen die Möglichkeit fehlt. Also verlassen wir uns darauf, dass die Medien für uns die tatsächlich nachrichtenwürdigen Fakten vorsortieren; wir vertrauen also auf ein Filtersystem, das wir nicht genau kennen.

Denn wer bestimmt eigentlich, ob eine solche Meldung überhaupt in den Medien Verbreitung findet, und welche Zielsetzung steht dahinter? Denken Sie bei der nächsten Nachrichtensendung mal darüber nach, und nehmen Sie sich die Zeit nachzuhaken, wo es Ihnen möglich ist. Mit der Zeit bekommen Sie ein Gespür dafür, an welchen Punkten Sie vielleicht eher manipuliert als informiert werden sollen.

Drei Zeugen, fünf Tathergänge

Wer schon mal Augenzeuge eines pressewürdigen Ereignisses war und am nächsten Tag die mediale Berichterstattung darüber verfolgt hat, wird sich wahrscheinlich verwundert die Augen gerieben haben. Da werden Namen, Daten und Fakten vertauscht, verfälscht, weggelassen oder hinzugefügt, und das selbst bei politisch ganz unbedeutenden Begebenheiten wie einem Wohnungsbrand oder einer Charity-Gala.

Das Phänomen der Erinnerungsverfälschung ist Psychologen und Verhaltensforschern längst bekannt. In Studien gelang es, den Probanden Erinnerungen an die unterschiedlichsten Ereignisse zu suggerieren, die tatsächlich nie stattgefunden hatten – bis hin zu selbst begangenen Verbrechen. Ähnlich unzuverlässig funktioniert das menschliche Gedächtnis, wenn es um das Wiedererkennen von Tatverdächtigen geht. In ihrem Eifer, den Sicherheitsbehörden zu helfen, geben Zeugen häufig an, jemanden auf einem Bild wiederzuerkennen, obgleich diese Person nachweislich nichts mit der fraglichen Straftat zu tun hat.

Solche kognitiven Schwachstellen können genutzt werden, um bei den Mediennutzern vermeintliche Gewissheiten zu schaffen. Eine Meldung, die oft genug wiederholt wird, gewinnt dadurch bei unkritischen Hörern, Lesern oder Zuschauern an Faktizität und Relevanz – selbst wenn sie frei erfunden ist. Nicht immer steckt dahinter ein Hochstapler wie der Spiegel-Redakteur Claas Relotius. Oft sind es auch politische oder wirtschaftliche Interessen, die sich durch gezielte Beeinflussung leichter durchsetzen lassen.

Sag mir, was ich hören will

Sogar die letzte Bastion der Objektivität, das Interview, muss mit grösster Vorsicht genossen werden. Und damit spiele ich nicht auf die zweifellos technisch immer einfacheren Schnittmethoden an, sondern in erster Linie bringt mich eine verhältnismässig neue Fragetechnik in Rage, die sich rasant ausbreitet.

„Wie aufgeregt sind Sie jetzt gerade?“, wird der nominierte Regisseur kurz vor der Verleihung des Silbernen Bären gefragt. Oder der Reporter will vom angefahrenen Radfahrer wissen: „Wie sehr haben Sie sich über die Rücksichtslosigkeit des Unfallfahrers geärgert?“

Solche Fragen kann man, möchte man objektiv bleiben, nur mit einer Gegenfrage kontern: „Auf einer Skala von 1 bis 10 oder in Prozenten?“ Denn die Emotionen und Einstellungen, die dem Befragten hier bereits im Vorfeld unterstellt werden, sind nicht messbar. Die Frage dient einzig der Beeinflussung sowohl des Interviewpartners als auch des Zuschauers oder Zuhörers. Ein Regisseur, der auf den Preis hofft, zittert vor Nervosität, ein im Strassenverkehr verletzter Radfahrer ist Opfer gewissenloser Autofahrer. Logisch, oder?

Die Frage hat keinen anderen Zweck als den, das Vorurteil des Journalisten und des unbedarften Publikums zu bestätigen, ganz gleich, wie die Antwort ausfällt.

Wie sehr lassen Sie sich von plumpen Interviewtechniken manipulieren?

MEHR ZU JORDAN T. A. WEGBERG

Mehr zu Jordan T. A. Wegberg finden Sie hier: Jordan T. A. Wegberg

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