Haben Ärger und Wut vielleicht auch gute Seiten?

Haben Ärger und Wut vielleicht auch gute Seiten?

Haben Ärger und Wut vielleicht auch gute Seiten?

Haben Ärger und Wut vielleicht auch gute Seiten?

Ärger ist ein Gefühl, das alle Menschen gut kennen. Er kann übertrieben und destruktiv sein, aber auch angemessen und förderlich. Denn Ärger ist eine Energie, die ebenso mobilisieren wie auch krank machen kann. Je besser wir diese Energie verstehen, desto leichter können wir sie überwinden oder für uns nutzen.

Laut Statistik ärgern wir uns zweimal in der Woche heftig. Glücklicherweise verfliegt das Gefühl nach etwa einer Stunde. Im Duden findet man als Definition für Ärger, dass dieser ein heftiges Gefühl der Unzufriedenheit und Frustration ist. Ärger umfasst verschiedene negativ-emotionale Reaktionen von Unbehagen oder Missmut bis hin zu Wut oder Zorn. Es ist eine spontane Reaktion auf etwas Unangenehmes oder Unerwünschtes. Ärger und Wut sind schwer zu kontrollierende Emotionen, die meist einfach so aus uns herausbrechen. Ärger, Wut oder Zorn sind keine harmlosen Affekte: sie können einen dorthin führen, wo man nie hinwollte.

Permanenter Ärger macht krank

Ärger entsteht im limbischen System. Das ist die Steuerzentrale für unsere Gefühle, so auch für Liebe oder Angst. Ein Teil des limbischen Systems ist die Amygdala, ein mandelförmiges System von Nervenkernen, das eine wesentliche Rolle bei der Bewertung von Gefühlen und der Analyse möglicher Gefahren spielt. Kommt uns etwas oder jemand quer, fährt sie ihr Programm hoch, indem sie für die vermehrte Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin sorgt. Beide lassen den Blutdruck und den Puls steigen. Gleichzeitig sorgen sie im Bereich der Haut für Gefässverengung und Temperaturerhöhung.

Studien zufolge ist fortwährender Ärger für unser Herz genauso gefährlich wie Rauchen oder Bluthochdruck. Das Risiko eines Infarktes oder Schlaganfalls wächst, wenn man sich häufig, lange und intensiv ärgert, da dies Blutfett- und Zuckerwerte steigen lässt. Ärger schlägt zudem auf den Magen, beeinträchtigt die Verdauung, löst Kopfschmerzen aus und lässt uns nicht oder schlecht schlafen. Für 20 Prozent der Bevölkerung ist übertriebener Ärger sogar lebensbedrohlich, nämlich für diejenigen, die am „Feindseligkeitssyndrom“ leiden (chronisch zum Ärger bereit, leicht erregbar, tendenziell aggressiv).

Studien zeigen, dass jene, die ihrem Ärger ungehemmt Luft machen, diesen nicht loswerden, sondern verstärken. Ebenso wenig hilft es, den Ärger herunterzuschlucken. Das führt zu verschiedenen körperlichen Symptomen wie Schmerzen in Nacken und Rücken, nächtlichem Zähneknirschen oder Magengeschwüren nebst Nervosität, Unruhe und Gereiztheit. Welchen Weg man auch immer wählt – explodieren oder unterdrücken –, beides führt dazu, dass man sich am Ende nicht besser fühlt.

„Anger is an energy” — Johnny Rotten (Sex Pistols/PIL)

Ärger gehört zu unseren Grundgefühlen, zu denen auch Freude, Überraschung, Ekel, Angst oder Traurigkeit zählen. Anders als Angst oder Traurigkeit wirkt Ärger jedoch nicht lähmend. Ganz im Gegenteil, die meisten treten ihm – oder genauer gesagt, seiner Quelle – energiegeladen entgegen. Wut mobilisiert in uns Energie, die aus der Frustration erwächst, dass etwas nicht so läuft, wie wir es erhofft haben oder gewohnt sind. Ärger kann somit Orientierung geben. Wenngleich der Ursprung dieser Energie negativer Natur ist, kann sie wichtige Veränderungen in Gang setzen und hat somit auch das Potenzial für eine gute Wendung.

Empörung gewünscht!

Es kommt also auf das richtige Mass an. Richtig eingesetzt, kann uns Ärger dabei unterstützen, für uns oder andere einzustehen. Es gibt Momente, da ist es erwünscht, sich zu ärgern und diesem Ärger Ausdruck zu geben. Zum Beispiel um gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen oder das, was einem in einer Beziehung nicht gefällt, beim Namen zu nennen. All das – angemessen, sprich gewaltfrei ausgedrückt – kann sehr konstruktiv sein.

Unfaire Behandlung von Arbeitskollegen, Benachteiligung von Minderheiten, sexuelle Grenzüberschreitungen, absichtlicher Rufmord, ausbeuterisches Verhalten usw. – bei alldem ist Ärger berechtigt, Empörung angebracht und verantwortliches Handeln gefragt. Nicht umsonst spricht man vom „gerechten Zorn“. In diesen Momenten aktiviert uns die Wut und gibt uns den Willen, uns einer Situation anzunehmen. Das hilft auch, das Selbst zu stärken.

Sich seine Wut erlauben

Obwohl Ärger, wohl dosiert, uns Hinweise gibt, dass etwas für uns nicht stimmt, und kreative Energie freisetzen kann, um Veränderungen anzutreiben und Gegebenheiten neu zu justieren, erlauben sich viele nicht, verärgert zu sein. Viele von uns haben von Kindheit an gelernt, brav und kontrolliert zu sein – oftmals in Momenten, wo echte Empörung angebracht gewesen wäre. Das führt zu Verwirrung und lässt ein mulmiges Gefühl zurück, ob man überhaupt das Recht hat, sich zu ärgern. Bei manchen Menschen führt das dazu, dass sie ihr Leben nicht genug steuern und zum Zuschauer werden oder gewohnheitsmässig in eine Opferrolle fallen.

Ursachenforschung unterstützt die bewusste Einflussnahme

Möchte man seine Selbststeuerung stärken, gehört zum ersten Schritt, Frieden mit den Schattenseiten des eigenen Verhaltens zu schließen. Den Ärger als einen Teil von sich selbst zu akzeptieren führt nicht dazu, dass man ihn verstärkt und so zum missmutigen, negativen Menschen wird. Es stärkt vielmehr unsere Selbstakzeptanz und die Fähigkeit, aus negativen Spiralen auszusteigen. Unsere Grundhaltung entscheidet über den bewussten Umgang mit unserer Wut und die Möglichkeiten, was wir damit machen.

Im zweiten Schritt gilt es, dem Ursprung auf den Grund zu gehen. Um die Entstehungsgeschichte leichter zu verstehen, kann man sich auf folgende Fragen konzentrieren:

  • Was für ein Ärger war das genau?
  • Wann und wie lange fand er statt?
  • Über wen oder was habe ich mich geärgert?
  • In welcher Situation?
  • In welchem Ausmass?
  • Was hat den Ärger verfliegen lassen?

Oft zeigt eine kritische Betrachtung, dass ganz andere Gefühle hinter dem Ärger stecken, wie z.B. anhaltende Enttäuschung über verpasste Chancen, Einsamkeit, Ohnmacht, Sehnsucht nach Wertschätzung. Dieses Wissen unterstützt uns, die eigentlichen Antreiber unserer Frustration anzugehen und somit vielen Quellen von Ärger und Wut aus dem Weg zu gehen.

Literatur

Todd B. Kashdan u.a.: „What triggers anger in everyday life? Exploring links to the intensity, control, and regulation of these emotions, as well as personality traits.” Journal of Personality. DOI: 10.1111/jopy.12214

Thomas Saum-Aldehoff: „Wo der Ärger lauert.“ Psychologie heute (12/2015), 34‒35

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