Warum „Warten-Können“ erfolgreich macht

Warum „Warten-Können“ erfolgreich macht

Warum „Warten-Können“ erfolgreich macht

Warum „Warten-Können“ erfolgreich macht

Warten ganz ohne Ablenkung – beim Arzt, im Restaurant, auf dem Amt oder an der Bushaltestelle –  stirbt aus. Was noch vor ein paar Jahren Alltag war, verschwindet mit dem Smartphone. Ist das gut oder schlecht? Studien lassen vermuten, dass der Preis hoch ist.

Warten im Sinne von Nichtstun ohne Ablenkung durch Surfen, Chatten oder Spielen scheint mehr und mehr zu einem Relikt aus längst vergangener Zeiten zu werden. Wie fühlt es sich an, in einem Wartezimmer die weisse Wand anzustarren, auszuharren und die eigene (Un-)Geduld zu disziplinieren? Für den Grossteil unserer Mitmenschen ist das ein eher ungewöhnliches Erlebnis. Wie viele von uns halten es aus, fünf Minuten an der Haltestelle zu stehen, ohne nach dem Smartphone zu greifen? Diesen scheinbar unproduktiven Leerlauf abzuschaffen, scheint ein Ziel unserer Zeit zu sein ‒ wenn auch ein fragwürdiges.

Was nervt am Warten?

Die Psychologen Richard Larson, Professor am Massachusetts Institute of Technology, und David H. Maister, Professor an der Harvard Business School, erforschen seit Jahrzehnten, was genau Menschen am Warten nicht ausstehen können:

  1. Fehlende Information, wie lange man warten muss, lässt die subjektiv empfundene Wartezeit länger erscheinen.
  2. Unerwartetes Schlangestehen ist ein Prüfstein für die Geduld. Kurz vor Weihnachten erwartet man Schlangen an der Kasse. An einem Mittwoch im Juli nicht.
  3. Grossstädter empfinden ihr Leben oft hektischer als Landbewohner. Sie sind daher weniger lange zu warten bereit.
  4. Wer wann an der Reihe ist, wird als ungerecht empfunden ‒ ob begründet oder nur in der subjektiven Wahrnehmung.

Basierend auf ihren Ergebnissen beraten die beiden Forscher Unternehmen, wie sie die Wartezeit so angenehm wie möglich gestalten können, damit die Wartenden konsumfreudige Kunden werden oder bleiben. Ablenkung, Unterhaltung, Information und Fairness sind dabei die Grundpfeiler und treiben interessante Blüten.

Statt schneller zu werden, verlangsamte Ikea beispielsweise den Zahlungsprozess. 2009 führten die Schweden die Selbstscan-Kassen ein. Die Einkäufe eigenhändig einzuscannen und die Rechnung selber auszudrucken dauert zwei- bis dreimal länger als bei einer geübten Kassiererin. Dennoch glaubt der Kunde, weniger gewartet zu haben, da er beschäftigt war. Dieses gute Gefühl führt dann oftmals dazu, dass er sich frohgemut gleich in die nächste Warteschlange katapultiert: in die für den Hot Dog.

Auszeiten vom Effizienz-Diktat

Warten ist eine existenzielle und zugleich alltägliche Erfahrung. Friedrich Nietzsche sprach von der zwar „unangenehmen Windstille der Seele“, die aber „der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht“. So betrachtet, können Wartezeiten auch als kleine Auszeiten von unserem Effizienz-Diktat verstanden werden. Auch Peter Vorderer, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Mannheim, sieht im Warten eine Chance für eine Pause, ja sogar einen Moment der Kontemplation, in dem man die Welt auf sich wirken lassen kann.

Warten lässt Zeit bewusst erleben

Warten ist eine Unterbrechung im Zeitfluss. In unserer Kultur, die geprägt ist von einem strengen Zeitnutzungsprinzip, ist der innere Stress beim Warten fast schon vorprogrammiert. Dabei erleben wir gerade in diesen Momenten sehr wachsam und bewusst „Zeit“. Das klingt banal, nur: Wann oder wie oft sind wir in unserem Alltag bewusst im „Hier und Jetzt“? Sicher, Wartezeiten werden selten wertneutral erlebt. Abhängig von den äusseren Umständen und davon, wie und worauf wir warten, ist diese Zeit oftmals emotional aufgeladen. Dennoch liegt es an uns, wie wir das Erlebte und die Situation bewerten.

Warten-Müssen als Nährboden für Konzentration und Kreativität

Warten-Können ist eine Frage der Persönlichkeit, der inneren Haltung und unserer individuellen Frustrationstoleranz. Bringt die Ungeduld ausser innerem Stress etwas? Kann sie die Zeit beschleunigen? Oder wird Warten nicht als Zeit verstanden, die man totschlagen muss, sondern als zusätzlicher, geschenkter Freiraum, der nicht eingetaktet ist in die ansonsten übliche Verwertungslogik? Inwieweit kann Warten bedeuten, dass man kreativ wird und alternative Wege sucht, sich etwas Neues ausdenkt und somit einen positiven Antrieb erhält?

„In der Erfahrung des Wartens kann eine Chance liegen“, meint Stefan Gosepath, Professor an der Freien Universität Berlin. Er sieht im Warten die Möglichkeit, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Immer unter Strom zu sein und sich mit Ablenkung zu berieseln beeinträchtigt unsere Konzentration und Kreativität.

Warten-Können macht erfolgreich

Dass die Fähigkeit zum Warten-Können ein Garant für Erfolg ist, konnte der österreichisch- amerikanische Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel in seinem berühmten Marshmallow-Test nachweisen. In diesem Test werden vierjährigen Kindern Süssigkeiten angeboten. Dabei werden sie vor die Wahl gestellt, entweder die Süssigkeit sofort zu essen oder später eine zweite zu bekommen, wenn sie der Versuchung widerstehen können und auf den sofortigen Genuss verzichten.

In diesem Test wird die Fähigkeit analysiert, ein momentanes Bedürfnis aufzuschieben und einer Verlockung zu widerstehen, um letztendlich ein längerfristiges Ziel zu verfolgen. Beides ‒ Warten-Können und Selbstkontrolle ‒ sind Fähigkeiten, die wir an vielen Stellen im Leben brauchen.

Über 40 Jahre hinweg beobachtete Walter Mischel die Kinder und stellte dabei fest, dass diejenigen, die warten konnten, in der Schule besser waren. Zudem waren sie selbstbewusster und sozial kompetenter. Später im Leben waren sie erfolgreicher im Beruf, glücklicher, zufriedener und gesünder als diejenigen Kinder, die nicht warten konnten. Sich im Warten zu üben und damit seine Willenskraft wie auch seine Geduld zu trainieren lohnt sich also.

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