Was Worte über uns verraten

Was Worte über uns verraten

Was Worte über uns verraten

Was Worte über uns verraten

Die Art, wie wir uns ausdrücken, lässt nicht nur Rückschlüsse auf unser Weltbild erkennen, sondern spiegelt auch unsere Seelenlage wider. Nur wenigen Menschen ist bewusst, wie die Sprache unser Denken und Fühlen beeinflusst. Oft wird ihre Macht unterschätzt.

  • „Wie geht es dir?“ – „Eigentlich ganz gut.“
  • „Wie ist das Essen?“ – „Gar nicht so schlecht.“
  • „Möchtest du einen Tee oder einen Kaffee?“ – „Ich glaube, ich hätte gerne einen Kaffee.“
  • „Gefällt dir deine Arbeit? – „Ja, letztendlich schon.“
  • „Wie findest du das Buch?“ – „Ganz passabel.“

Haben Sie die eine oder andere Formulierung wiedererkannt? Von sich selbst oder von anderen? Die Liste an Füllwörtern und negativen Formulierungen, die unsere Aussagen verwässern, lässt sich leicht verlängern. Sie schwächen nicht nur unsere Äusserungen, sondern können schlimmstenfalls sogar derart negativ auf den Zuhörer wirken, dass dieser den negativ gefüllten Wortball aufgreift und mit weiteren ungünstigen Gedanken befüllt zurückwirft.

Eine scheinbar harmlose Frage wie: „War das Meeting sehr langweilig?“ kann dahingehend manipulieren, dass unser Gegenüber nur noch nach an die langweiligen Inhalte der Besprechung denkt, dabei gab es vielleicht auch spannende und interessante Momente. Grund hierfür ist, dass die Wortwahl innere Bilder erzeugt, die in weniger als 0,25 Millisekunden aus dem Unterbewussten erscheinen und auf dieses wirken.

Sprichwörtlich schwingt eine bildhafte Aussage im Körper mit

Der Neurowissenschaftler Friedemann Pulvermüller von der Freien Universität Berlin konnte nachweisen, dass insbesondere bei bildhaften Aussagen nicht nur der präfrontale Kortex aktiv ist, der für komplexe Bedeutungsverarbeitung zuständig ist. Es reagiert zeitgleich auch der Motorkortex, der die Bewegung von Armen oder Beinen steuert. Im Hirn schwingt demnach die wörtliche Bedeutung der Aussage mit, was unser weiteres Denken beeinflusst. Wörter sind Richtungsweiser. Sie zeigen, in welche Richtung ich denke – optimistisch oder pessimistisch, von mir weg oder achtsam bei mir.

Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen gehörtem oder echtem Schmerz

In Studien an der Universität Jena wurde anhand bildgebender Verfahren erforscht, wie gehörte Wörter in unserem Gehirn wirken. Die Forscher stellten fest, dass Wörter wie „quälend“, „zermürbend“ oder „plagend“ das Schmerzzentrum im Gehirn genauso alarmieren wie Nadelstiche. Diese von Dr. Thomas Weiss geleitete Untersuchung zeigt, dass das menschliche Gehirn negative Wörter mit der gleichen neuronalen Reaktion verarbeitet wie echten körperlichen Schmerz.

Unklare Aussagen sind eher verwirrend, als dass sie Sinn stiften

In unserem Alltag werden viele Worthülsen, negative Formulierungen und unnütze Füllwörter benutzt. Vieles klingt dadurch halbherzig und lässt einen verwirrten Zuhörer zurück. Beliebte Partikel sind „eigentlich“, „vielleicht“, „sozusagen“ oder „eventuell“. Damit gefüllte Sätze schwächen die Aussage oder können diese sogar unverständlich machen. „Gefällt dir das Geschenk?“ – „Eigentlich ja.“ Und un-eigentlich?

Gleichfalls verwirrend kann es sein, wenn der Redner von „man“ spricht statt von sich selbst. Zum einen kann diese Form der Generalisierung beim Zuhörer auf Widerstand treffen („Wer ist denn man? Für mich trifft das nicht zu“). Zum anderen lässt die Nutzung des Wortes „man“ den persönlichen Bezug vermissen. Die Aussage wird entkörpert. Denn wieso sagt jemand: „Eigentlich will man ja nur das Beste für sein Kind“, wenn er/sie meint: „Ich will das Beste für mein Kind“?

„Nicht geschimpft ist genug gelobt“, heisst es im Süddeutschen – aber was spricht gegen ein offenes und ehrliches Lob? Sind wir wirklich gelobt worden, wenn jemand sagt: „Du machst das gar nicht schlecht“? Was bleibt da bei uns hängen? Dass wir es gut gemacht haben oder dass wir uns weiter anstrengen müssen? Es entspricht leider einer Tendenz in unserer Gesellschaft, Positives negativ auszudrücken.

Die Wahl unserer Worte bestimmt tagtäglich unser Denken und Fühlen

Es ist wissenschaftlich belegt, dass die von uns tagtäglich benutzen Wörter Einfluss auf uns nehmen: wie wir denken und handeln, was wir wahrnehmen und woran wir uns erinnern. Dabei sind sich Wissenschaftler nicht einig, ob die Sprache unser Denken oder das Denken die Sprache bestimmt.

Aufgrund aktueller Studien aus der Hirnforschung verdichten sich die Argumente dafür, dass Ersteres der Fall ist. Vermehrt gehen Linguisten und Psychologen davon aus, dass bereits die Muttersprache beeinflusst, wie wir etwas wahrnehmen und woran wir uns erinnern. Das bedeutet, dass wir allein aufgrund unserer Muttersprache die Welt zu einem gewissen Grad auf unterschiedliche Weise sehen. Ein Beispiel: Im Deutschen ist der Mond männlich, im Spanischen jedoch weiblich. Dieser scheinbar kleine Unterschied verändert die Betrachtung erheblich und ermöglicht andere Assoziationen.

Die Wahl unserer Worte sollte also bedacht geschehen, jedoch ohne das Diktat einer zwanghaft aufgesetzten Positivität. Die Erkenntnis, dass unsere Worte auf uns und andere wirken, bedeutet im Umkehrschluss nicht, Negatives zu leugnen oder zu verdrängen. Jedoch macht es einen Unterschied, ob ich den Ärger einfach benenne oder ihm mit einem Gewitterhagel von Verwünschungen begegne. In diesem Zusammenhang fallen mir die Worte eines Bekannten ein, der Priester ist: „Wenn wir statt einer Verwünschung Halleluja riefen, könnte die Welt viel schöner klingen – allein durch das Lachen wegen der Situationskomik.“

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Von „gar nicht schlecht“ zu „gut“ in vier Schritten. Gut oder gar nicht schlecht? Es macht einen Unterschied in unserem Kopf und mit unserer Stimmung, ob wir gewohnheitsmässig etwas „gut“ oder einfach nur „nicht schlecht“ finden.  Warum und wie man eine negative Wortwahl in eine positive ändern kann, steht in diesem Blog.

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8 thoughts on “Was Worte über uns verraten

  1. Thomas

    Danke Dir Silke für den wunderbaren Text, den ich gerne teile und in meinen Arbeiten zitieren werde. Die Bedeutung des Wortes wird auch im Johannes Evangelium hervorgehoben: „Am Anfang stand das Wort“

  2. Silke Weinig Post author

    Lieber Thomas, ich freue mich sehr, dass Dir der Text gut gefällt. Danke auch für Deinen Bibel-Hinweis! Ich wünsche Dir einen schönen Tag, Silke

  3. Silke Weinig Post author

    Vielen Dank. Freut mich sehr, dass Ihnen der Text gefällt. Er schwirrte schon lange in meinem Kopf.
    Jedesmal, wenn ich das Wort „eigentlich“ höre, liegt mir die Gegenfrage „Und uneigentlich?“ auf den Lippen 😉 .
    Herzliche Grüsse, Silke Weinig

  4. Stefan

    Worte haben so viel Kraft – positiv, aber auch negativ – verraten viel über uns und das Gegenüber – darum bleibt DIE Kommunikation immer spannend 🙂 – Dank´ Dir wieder für den interessanten Blog zum WochenAnfang …

  5. Silke Weinig Post author

    Lieber Stefan, vielen Dank für Dein Feedback. Ich freue mich sehr, dass Dir der Beitrag gefällt. Wie Du schreibst: die Kommunikation zwischen Menschen bleibt immer spannend. Dir auch eine gute Woche, Silke

  6. Bianka Maria Seidl

    „Am Anfang war das Wort“ – welch mächtiger Ausspruch und genauso mächtig sind Worte.
    Das gesprochene Wort kann verletzen oder uns auch erheben – je nach bewusster oder auch unbewusster Intension des Sprechers.

    Das Wort eigentlich zeugt für mich immer davon, dass der oder die Betreffende sich in einem Widerstand mit dem eigenen befindet. Denn oftmals folgt auf das eigentlich ein aber, das reduzierend wirkt.
    Danke für diesen Beitrag, den ich gerne teile.

    Herzliche Grüße
    Bianka Maria Seidl

  7. Silke Weinig Post author

    Liebe Frau Seidl
    Ich freue mich sehr, dass Ihnen der Text gefällt.
    Vielen Dank für Ihren Beitrag! Ihre Beschreibung des Wortes „eigentlich“ bringt es auf den Punkt!
    Das wiederum werde ich mir merken und ab sofort nutzen.
    Herzliche Grüsse,
    Silke Weinig

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