Wie entsteht ein gutes Gespräch?

Wie entsteht ein gutes Gespräch?

Wie entsteht ein gutes Gespräch?

Wie entsteht ein gutes Gespräch?

Ein wirklich gutes Gespräch mit einem anderen Menschen ist Balsam für die Seele und beflügelt. Leider sind diese Gespräche eher selten. Zu oft sind wir mit uns selbst beschäftigt, wollen unsere Sorgen und Nöte loswerden und verpassen dabei die Chance, wohltuende Gespräche zu führen. Was macht ein gutes Gespräch aus? Und was können wir tun, damit wir uns über mehr gute Gespräche erfreuen können?

Wir tauschen uns pausenlos mit anderen aus, zu Hause, im Job, am Handy, per Mail. Trotz dieses Übermasses an Kommunikation werden wir nur in den seltensten Fällen sagen, dass wir ein gutes Gespräch, eine echte Begegnung hatten. Was macht die Qualität eines guten Gesprächs aus? Selbst wenn die Inhalte schwierig oder komplex waren, fühlen wir uns anschliessend angeregt, energiegeladen und tief berührt. Schlechte Gespräche hingegen laugen uns aus. Sie machen uns müde, lassen uns gelangweilt oder gereizt zurück.

Was läuft bei vielen Gesprächen schief?

Kennen Sie diese Gespräche, die voller leerer Worthülsen und Floskeln sind? Oder Unterhaltungen, in denen ebenso subtil wie destruktiv darum gewetteifert wird, wer den besseren Urlaub, den stressigeren Job, den erfolgreicheren Partner oder das härtere Schicksal hat? Es gibt verschiedene Gründe für unbefriedigende Gespräche:

  • Die Gesprächspartner sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
  • Man stellt sich selbst nicht infrage, sondern betrachtet und beurteilt alles durch die subjektive Brille.
  • Angeberei, egal ob man mit Wissen beeindrucken oder den Opferpokal gewinnen will.
  • Man redet aneinander vorbei und hört nicht zu, sondern bildet schon erste gedankliche Sätze, während der andere noch spricht.
  • Man nimmt den anderen nicht ernst und zeigt das womöglich auch durch Körpersprache.
  • Es werden Fragen gestellt und Behauptungen gemacht, die den anderen verunsichern.
  • Die Inhalte bleiben oberflächlich, sind unpersönlich, vielleicht sogar abstrakt. Die Gesprächspartner schotten sich ab. Leere Worthülsen sollen vor Angriffen oder Verletzungen schützen.
  • Man versteht nicht, wovon der andere redet oder was er meint. Erschwerend kann hinzukommen, wenn man sich keine Mühe gibt, dies zu ändern.
  • Es wird eine Position eingenommen, die uneinnehmbar ist wie eine Bastion. Dialog und Disput werden verwechselt.
  • Minutenlange Monologe, womöglich über belanglose Begebenheiten, die aber bis ins kleinste Detail ausgeführt werden.
  • Schneller Rede- und Gedankenfluss, der dem anderen keine Pause gönnt.
  • Ständige Unterbrechungen, man fällt dem Gesprächspartner ins Wort – schlimmstenfalls wird dabei auch noch in unterschiedlichen Themen umhergesprungen.

Der Religionsphilosoph Martin Buber bedauerte schon vor mehr als 50 Jahre, also lange vor dem digitalen Zeitalter, dass echte Begegnung selten stattfindet und wir uns eher „vergegnen“. Für Buber waren Gespräche vor allem echte Begegnung von Menschen, „die sich in Wahrheit einander zugewandt haben, sich rückhaltlos äussern und vom Scheinenwollen frei sind“. Heute kommunizieren wir auf so vielen Kanälen wie nie zuvor, aber wir sprechen kaum miteinander.

Was macht ein gutes Gespräch aus?

Ohne Gespräche kann der Mensch nicht leben, sie sind essenziell für uns. Stellen Sie sich vor, Sie bekämen pro Tag eine Stunde geschenkt mit dem Auftrag, diese mit einem Gespräch zu füllen. Mit wem würden Sie gerne sprechen? Und worüber? Der englische Philosoph und Historiker Theodore Zeldin hat darauf eine ganz einfache Antwort gefunden: über interessante Themen, die dazu einladen, möglichst viel vom anderen zu erfahren und dabei gleichzeitig auch viel von sich selbst preiszugeben. Wenn Sie aus dem Gespräch anders herauskommen, als Sie hineingegangen sind, können Sie sicher sein, dass es ein gutes Gespräch war. Das ist es, was eine Begegnung ausmacht: Jeder gewinnt und ist bereichert.

Gute Gespräche bereichern beide Gesprächspartner

Ein gutes Gespräch braucht nicht zwingend eine Vorbereitung. Echte Begegnung kann plötzlich und spontan entstehen, wenn die Gesprächspartner bereit sind, sich Zeit zu nehmen, und weniger auf Ergebnisse und Lösungen fixiert sind. Statt prompte Lösungen liefern zu wollen oder reflexgesteuert unsere Statements zu platzieren, kann ein Sich-Öffnen für die Sichtweise des anderen Raum schaffen für Inspiration und Tiefe. Ist man wirklich an der anderen Person interessiert, ist das Wegfallen oder Wegdenken von Vorurteilen der erste wichtige Grundstein für eine gute Gesprächsbasis. Innerer Abstand zu den eigenen Positionen ermöglicht eine andere Dynamik im Gespräch. Statt Disput oder Monolog entsteht ein Dialog mit Erkenntnisgewinn, der auch Widersprüche und unterschiedliche Sichtweisen aushält.

Eine lebhafte Unterhaltung bedeutet Geben & Nehmen

Jedes gute Gespräch braucht mindestens eine Person, die es anregt, und eine, die sich darauf einlässt. Es bedarf einer Neugier am anderen und einer Lust, Gespräche zu flechten. Gewürzt wird jedes lebendige Gespräch mit Fragen. Es gibt Menschen, die sind geborene Erzähler, und es gibt Menschen, denen man viele Fragen stellen muss. Je besser wir zuhören und damit verstehen, was der andere braucht, desto besser werden die Fragen. Unterdrücken Sie aber bitte den möglichen Impuls, dem Gesprächspartner mit ganz besonders gescheiten Fragen imponieren zu wollen.

Wenn Sie alle Wertung über den Gesprächspartner fallenlassen und sich trauen, bis ins kleinste Detail Fragen zu stellen, erhalten Sie die Chance, jemanden wirklich zu sehen. Diese Gespräche erfordern Kraft und Mühe, da sie Aufmerksamkeit, Wissen und Übung verlangen. Gleichzeitig bauen sie auf, inspirieren und geben vielfach Kraft zurück.

Literatur:
  • Buber, Martin (2006): Das dialogische Prinzip. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh
  • Hartkemeyer, Johannes F./Hartkemeyer, Martina (2006): Miteinander denken: Das Geheimnis des Dialogs. Klett-Cotta, Stuttgart
  • Schulz von Thun, Friedemann (2010): Miteinander reden, Störungen und Klärungen. Rowohlt, Reinbek
  • Storch, Maja/Tschacher, Wolfgang (2014): Embodied Communication. Kommunikation beginnt im Körper, nicht im Kopf. Verlag Hand Huber, Bern
KENNEN SIE JEMANDEN, FÜR DEN DIESER BEITRAG INTERESSANT SEIN KÖNNTE? DANN TEILEN SIE IHN DOCH:

2 thoughts on “Wie entsteht ein gutes Gespräch?

  1. Olaf Schwantes

    Hallo liebe Silke, ja, irgendwie traurig.
    Es ist natürlich verständlich, warum es sich in den letzten 100 Jahren so dramatisch verändert hat: Fernsehen, Internet etc. sind Ablenkungen. Dann hat sich unsere Arbeitswelt zum Teil dramatisch verändert. Doch gerade deswegen finde ich es ebenfalls so wichtig, wieder gute Gespräche miteinander zu führen. Was nicht immer heißen muss, dass wir mehr sprechen sondern die Qualität wieder verändern.

    Hin zu den Dingen, die uns wirklich berühren.
    Alles Liebe
    Olaf

  2. Silke Weinig Post author

    Lieber Olaf, Du hast Recht: es müssen nicht viele Worte sein. Schön ist, wenn es Worte sind, die berühren – ob zum Lachen, zum Trösten, zum Nachdenken. Beim Schreiben des Blogs habe ich mich oft darüber nachgedacht, wie oft ich schon am Antworten-Vorformulieren bin, während der andere spricht. Wie kann man berühren ohne zugehört zu haben? Daran arbeite ich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.